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14:33 Uhr - 26.02.2021

«Monatelang nicht reagiert»

Bis eine Pensionskasse ihre Anlagestrategie ändert, vergehen schon mal Jahre, sagt Tobias Wolf, Mitglied der Geschäftsleitung von Mercer Schweiz. Er rät zum angelsächsischen Modell.

Herr Wolf, auf welche Asset ­Allocation sollten institutionelle ­Investoren derzeit setzen?
Ein professionell verwaltetes Portfolio sollte gut diversifiziert sein. Vor allem die Faktordiversifikation ist wichtig. Über die bekannten Faktoren wie Aktien- und Kreditrisikoprämien hinaus leisten Multi-­Asset-Faktoren einen wichtigen Beitrag, beispielsweise Schwellenländer-, Small-Cap- und Illiquiditätsprämien. Auch die Berücksichtigung von ESG-Kriterien ist zunehmend ein wichtiger Aspekt.

Wie lange dauert die Umsetzung einer solchen neuen ESG-Strategie bei institutionellen Anlegern?
Das geht leider nicht von heute auf morgen und hängt sehr stark vom Umfang und von den Zielen ab. Zwölf Monate braucht es wohl mindestens, um eine Basis zu ­schaffen, es wird sich aber in den meisten Fällen über mehrere Jahre hinziehen.

Ist es noch zeitgemäss, dass so ­wichtige Entscheidungen so viel Zeit in Anspruch nehmen?
Nein. Gerade bei Pensionskassen haben wir häufig die Situation, dass sich die Anlagekommission oder der Stiftungsrat nur quartalsweise treffen und alle Anlageentscheide an diesen Rhythmus gebunden sind. Wir raten daher zum Hinzuziehen von Fiduciary-Managern, wie sie in vielen angelsächsischen Ländern bereits üblich sind.

Was machen die genau?
Bei den wenigsten Pensionskassen gibt es ein professionelles Investmentteam, und es gibt niemanden, der das Portfolio aktiv bewirtschaften kann. Das übernehmen die Fiduciary-Manager, an die Pensionskassen ihre Anlagetätigkeiten teilweise oder vollumfassend delegieren können. Wie nötig das ist, haben wir während der Covid-19-Krise gesehen. Da haben einzelne Pensionskassen ­monatelang nicht reagiert und Opportunitäten an den Märkten liegen gelassen. Wir sehen häufig einen grossen Verzug in der Entscheidungsfindung.

Ist denn die richtige Managergeneration mit den Entscheidungen ­betraut? Müsste man nicht auf Nachwuchs ­setzen, der sich besser auskennt?
Viele Pensionskassen haben nicht die kritische Grösse, um sich intern die erforderlichen Spezialisten aufzubauen. Es muss vielmehr ein Umdenken stattfinden, und nicht nur für die Anlage­beratung, sondern auch für die -umsetzung und die fortlaufende Portfolio­bewirtschaftung müssen unabhängige Spezialisten engagiert werden.

Welche Fehler können in der Asset ­Allocation gemacht werden?
Viele institutionelle Investoren wollen nur ungern ihr Anlageuniversum ausweiten. Dies kann wegen mangelnder Erfahrung oder aber auch aus Respekt vor der Umsetzung neuer Anlageklassen sein. Aber eine gute Diversifikation ist nur möglich, wenn man sich öffnet. Wir empfehlen beispielsweise, das Po­tenzial von Illiquiditätsprämien durch die Implementierung von Privatmarktanlagen – wie Private Equity (PEHN 61.00 0%), Private Debt oder Private Infrastructure – abzuschöpfen. Die Diversifikationsvorteile sind signifikant, das Risiko-Rendite-Profil ist sehr vorteilhaft. Fehler können auch gemacht werden, wenn der Anlageprozess nur reaktiv gestaltet ist und nicht antizipativ.

Was raten Sie in diesem Fall?
In Zeiten erhöhter Volatilität und Krisenanfälligkeit brauchen Pensionskassen eine robuste Governance und ein funktionierendes Risikomanagement. Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt in der Umsetzung der Anlageallo­kation. Wir sind überzeugt, dass der Einsatz von aktivem Management einen wichtigen Renditebeitrag durch eine Alphagenerierung leisten kann. Aktives Management ist zwar mit hö­heren Kosten verbunden, wir sehen aber, dass es möglich ist, nachhaltig ­höhere Renditen auch nach Kosten durch die Auswahl der besten Asset-Manager zu erzielen. 

Was sind aus Ihrer Sicht die Besonderheiten des Schweizer Marktes?
Obwohl die Schweiz ein grosser, fortschrittlicher institutioneller Markt ist, haben die Portfolios der kleineren Institutionellen oft einen starken Home Bias. Dadurch ist die Abhängigkeit von der Schweizer Geldpolitik und von wirtschaftlichen Entwicklung sehr stark. Es halten immer noch sehr viele eine grosse Allokation in Schweizer Obligationen und konnten damit auch über die vergangenen Jahre wegen der sinkenden Zinsen meist eine relativ gute Performance erzielen. Das wird in Zukunft nicht mehr so sein.

Warum?
Die meisten Schweizer Obligationen haben derzeit eine negative Rendite, darüber hinaus sehen wir die Gefahr, dass die Risiken mittelfristiger Zinssteigerungen deutlich unterschätzt und Investoren nicht adäquat für das Risiko kompensiert werden. 

Wie bewerten Sie Investments in die Biotech-Branche für institutionelle Anleger?
Biotech-Investitionen können interessant sein. Auch hier raten wir, auf einer diversifizierten Basis anzulegen, besonders wenn es um Investitionen in Biotech-Unternehmen im Frühstadium geht, da die Entwicklung neuer biotechnologischer Produkte mit einem hohen Risiko verbunden ist. Ein wei­terer Aspekt ist die positive soziale ­Wirkung, zum Beispiel wenn wir einmal an Unternehmen wie BioNTech (BNTX 112.33 -1.61%) und CureVac denken, die uns mit ihren Impfstoffen bei der Bewältigung der ­Pandemie helfen.

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